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06. März, 00:03 Uhr

Rollenspiele: ich, der Stereo-Typ!


Alles beginnt im Leben damit, daß man seine Umgebung wahrnimmt. Dann erkennt man sich selber. Dann entwickelt man sich selbst und definiert seine Rolle. Ist man ein Chaot? Ein Charmeur? Ein Clown? Und hat man einmal die eine Rolle angenommen, dann sorgen die Mitmenschen dafür, daß man aus ihr nie wieder herauskommt.

Das wird einigen Leuten wohl ein furchtbares Schicksal sein, vor allem dann, wenn man die einem zuerkannte Rolle nicht leiden kann. Vielleicht ist das auch der Grund, wieso die meisten Menschen sich für eine graue, langweilige Statistenrolle entscheiden, ohne Kanten, ohne Höhen, aber zugegebenermaßen auch ohne Tiefen.

Da ist die Frage berechtigt: können wir spezielle Menschen leiden oder eher die Rolle, die wir diesen Leuten gegenüber wie durch einen unsichtbaren Zwang zu erfüllen haben?

Die Bandbreite von verschiedenen Drehbüchern für ein und dieselbe Person ist immens. Und dazu völlig widersprüchlich. Es gibt Leute, die halten mich für einen Typen, der nie etwas sagt. Oder der sehr wenig sagt. Und es gibt mindestens genausoviel Leute die wünschten sich, ich würde mal die Fresse halten.
Dann gibt's Leute, die mich für einen Versager in der Frauenwelt halten. Und das Gegenteil gibt's ebenso: die Leute, die denken, daß mein Verschleiß recht hoch sei.
Es gibt Leute, die halten mich für grenzenlos kompetent. Und andere würden mir nichtmals ihre Blumen zum Gießen überlassen.
Die einen halten mich für einen Versager, die anderen für einen Gewinnertyp.
Während Person A mich für absolut humorfrei hält, nimmt Person B mich nie für voll oder lacht schon, wenn ich nur den Mund aufmache.
Der eine denkt, daß ich mich nur kompliziert, in möglichst verschachtelten Sätzen, auszudrücken vermag, der andere hält mich für einen Primitivling.

Von diesen Beispielen könnte ich Hunderte aufzählen, aber allesamt sind sie Beschreibungen für ein und dieselbe Person: mich.
Ich gebe zu, daß mein Fehler wohl darin liegt, daß ich diese Stereotypen auch bediene... klar, derjenige, der mich für einen tollen Hecht hält, dem will ich das doch nicht ausreden...

Es kommen und gehen übrigens immerwieder Menschen, die versuchen, hinter diese Masken zu schauen. Das merkt man recht schnell. Ich empfinde es für gewöhnlich als einen Eingriff in meine Privatsphäre. Ein unerlaubter Tiefschlag. Hobbypsychologen müssen draußen bleiben, so das Schild an meiner Seele. Diese Versuche werden mit widersprüchlichen und hauptsächlich theatralischen Aussagen belegt. Hehe!

Zuweilen tue ich mich aber damit schwer einzuschätzen, wie ich auf andere Menschen wirke. Ich finde das beliebig kompliziert, weil ich bedenken muß, welcher Typ Mensch ich gerade bin (möglichst übereinstimmend mit allen früheren Begegnungen mit derselben Person), welcher Typ Mensch mir gegenübersteht, welche Einstellung zum Leben er hat, was ihm wichtig ist und wie weit sein Verständnis für Humor gediegen ist. Was haben andere bereits über mich erzählt, wie ist sein Vorwissen? Welches Geschlecht hat er, welchen Bildungsstand. Gab's große persönliche Verluste? In jüngster Zeit? Was kann er? Was hat er erreicht? Wovor hat er Angst? Und wieviel Respekt verdient er?

Und schon passiert es, daß jemand voller Überzeugung verkündet, ich sei ein Arschloch. Zack! Schonwieder etwas falsch eingeschätzt. Ich bin inzwischen vorbehaltlos bereit den Fehler auf meiner Seite zu suchen.
Nicht bereit bin ich allerdings, den Langweiler zu miemen, nur um mit irgendwelchen Leuten zu Rande zu kommen, die ich sowieso nur flüchtig kenne und auf deren Bekanntschaft ich auch wenig Wert lege.

Aber jeder braucht mindestens einen Menschen, dem Zugang gewährt wird. Dem gegenüber man man selber ist. Dem man nichts beweisen muß, dem gegenüber man nicht geistreich oder besonders schlagfertig sein muß. Eben jemanden, der die Schwächen kennt und diese niemals ausnutzen würde. Jemand, dem man vertraut. Der dieses Vertrauen niemals untergraben würde. Passiert es doch, dann tut das gewaltig weh. Deswegen ist die Gesichtskontrolle gnadenlos.

Der Rest der Welt verdient das Rollenspiel. Nicht nur, weil es kurzweilig ist, sondern weil es im Leben eben so läuft. Solange man nicht selber vergißt, wer man ist...

Oh, und: natürlich ist der n.com Protagonist auch nur ein Produkt. Wer denkt, daß ich hier täglich mein tiefstes Innere prostituiere, der hält mich schon für unverschämt seicht. Aber wem sag ich das...
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