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21. August, 02:11 Uhr

Gerechtigkeitsentropie


Wie ein in sich geschlossenes physikalisches System immer wieder zu einem Zustand höchstmöglicher Unordnung zurückkehrt, ist es denkbar, daß ausgleichende Gerechtigkeit eine innerhalb des soziologischen Gesellschaftsapparates des Gesamten statistische Unabdingbarkeit ist?

Gut, dieser Satz war jetzt vielleicht ein bißchen mißlungen, wenn er am Verständnis gemessen wird. Die gute alte deutsche Sprache! Um den fantastischen Mark Twain zu zitieren, der dies übrigens tatsächlich in Deutsch verfasste und vortrug: Ich wurde nur einige Aenderungen anstreben. Ich wurde blos die Sprachmethode -- die uppige, weitschweifige Konstruktion -- zusammenrucken; die ewige Parenthese unterdrücken, abschaffen, vernichten; die Einfuhrung von mehr als dreizehn Subjekten in einen Satz verbieten; das Zeitwort so weit nach vorne rücken, bis man es ohne Fernrohr entdecken kann. Mit einem Wort, meine Herren, ich möchte Ihre geliebte Sprache vereinfachen, auf dasz, meine Herren, wenn Sie sie zum Gebet brauchen, man sie dort oben versteht. Ich flehe Sie an, von mir sich berathen zu lassen, führen Sie diese erwähnten Reformen aus. Dann werden Sie eine prachtvolle Sprache besitzen und nachher, wenn Sie Etwas sagen wollen, werden Sie wenigstens selber verstehen, was Sie gesagt haben.

So schnell kann man vom Thema abkommen, also schnell zurück: gibt es eine Gerechtigkeitsentropie? Religionen jedenfalls versprechen sie allenthalben und haben sie uns auch oft angelogen, könnte es hier einen Funken Wahrheit geben? Ausgleichende Gerechtigkeit nach dem Tod möchte ich außen vor lassen. Also, kurz und deutlich gefragt: wird Leid (zu Lebzeiten) mit Glück belohnt? Wird Glück mit Leid gesegnet?

Viele von uns sind mit dem Lei(t/d)satz aufgewachsen, der besagt, daß man einem nichts zufügen solle, was man selbst nicht prickelnd fände. In diesem Pamphlet steckt schon jede Menge Überzeugung, daß es einen übergeordneten Ausgleich gibt, daß die Frage selbst umso interessanter wird, denn offenbar ist die in Frage stehende Vorstellung bereits ein Teil unseres Denkens. Wir fügen deshalb anderen Menschen weniger Unannehmlichkeiten zu, weil wir die Fähigkeit besitzen und anwenden, uns in unser Gegenüber hineinzudenken. In gewisser Hinsicht entwickeln wir dann Mitleid mit uns selbst und beenden den Quell des Leids. Denn all' unser Handeln wurzelt egoistisch.

Wieviele von uns benehmen sich täglich konform, nur um zu vermeiden, daß die Zukunft uns für unser Verhalten eine Quittung ausstellt? Es ist ein absolut grundlegendes Prinzip unserer Erziehung, daß uns immerwieder vor Augen hält: wer den Gipfel hat erstiegen, kann nur wieder runterfliegen. Es ist das christliche die Letzten werden die Ersten sein, das so tief in uns verankert ist, daß wir die Überzeugung nicht aufgeben, daß ein Jammertal nicht nur "sehr sehr bald" verlassen wird, sondern dessen Ausgang mit Blumenregen und Konfetti dekoriert ist.

So wie der romantikbefreite Langzeitsingle sicher ist, daß seine betagte Einsamkeit mit der Liebe seines Lebens endet, so wie der Angestellte seine Plackerei mit dem wohlverdienten Ruhestand justifiziert, so sind wir Menschen doch gutgläubige und naive Wesen, die einzig davon überzeugt sind, daß ihnen noch viel Gutes widerfährt, bevor wir unser Leben aushauchen und zu Staub werden.

Ohne eine göttliche Intervention ist dies jedoch schwer vorstellbar und überaus unlogisch. Und Gott ziehe ich für meine Weltbilder nicht zur Verantwortung, ebensowenig eine übergeordnete Systematik. Ist es daher nicht eher wahrscheinlich, daß ein empfundenes Leid seine Spuren auf unserem Gemüt hinterlässt und vielmehr einfach das Glück, das irgendwo in Maßen immer auf Leid folgt, intensiver und verdienter wahrgenommen wird? Denn einzig Verlangen trägt die Chance von Glücksempfindung in sich. Wer alles hat, empfindet kein Glück.
Dies würde bedeuten, daß eine erstrebenswerte exteme Glückseeligkeit durch eine Selbstgeisselung in sprichwörtlicher Art und Weise herbeigeführt werden könnte.

Andersrum gilt jedoch faktisch, daß es kein jüngstes Gericht gibt, das eine Anklageliste aus dem Logbuch unseres Lebens liest. Das bedeutet, daß uns Boshaftigkeiten nicht zwangsläufig einholen. Und vor allem, daß einem Herzensgüte nicht entlohnt wird.

Das einzige, was bleibt, ist die Gewissheit, ein guter Mensch zu sein. Und das erfüllt das Herz stetig mit Wärme und einer Art ich-bezogener Religion. Und, um die Frage zu beantworten: nein, es gibt keine Gerechtigkeitsentropie. Es gibt nur ein mehr oder weniger großes Geschick, den größten Misthaufen aus dem Weg zu gehen.
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