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19. September, 00:50 Uhr

Kleine Schultherapie


Wieso eigentlich träume ich immernoch von der Schulzeit? Ich meine das nicht metaphorisch, ich träume im wahrsten Sinne des Wortes davon. Nur allzu oft finde ich mich auf der Schulbank wieder und ich muß irgendwas sagen, mich melden, weil mein Zeugnis sonst schlecht wird. Bringschuld! Mündliche Mitarbeitsnote! Oder ich sitze in einer Prüfung, durchflutet vom Schein der Neonröhren, und habe von den Fragen noch nie was gehört. Oder ich habe nur noch 70 Sekunden für 5 Aufgaben und die Pottsau neben mir fängt an, sich den Hals krumm zu husten.

Das ist ja fast ein Trauma! Der Protagonist im Film Top Secret verliert, während er ausgepeitscht wird, kurz das Bewußtsein und träumt, daß er wieder in der Schule ist. Als er schweißgebadet aufwacht und immernoch ausgepeitscht wird, sagt er mit erleichterter Miene sinngemäß etwas wie "Oh, dem Himmel sei Dank, es war nur ein Traum!". Kommt mir bekannt vor. Ja.

Das kann's ja irgendwie nicht sein, ich glaube, ich muß mal zum Psychiater. Mh. Ja, die Schule. Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir.

Es war aber auch eine fiese Angelegenheit! Um einen herum die ganzen anderen fiesen und stinkenden Kinder, die so ziemlich alle geistigen Facetten der intellektuellen unteren mittleren Oberschicht ausmachten, vorne ein Lehrer, der auf Quantität statt Qualität pochte und das Ganze in beliebigen Abstufungen zwischen progressiver Liberalität und knallharter Diktatur. Lehrinhalte, Lehrinhalte, Lehrinhalte, Stundenpläne, Hausaufgaben, damit man den Schrott noch mit heim nehmen durfte. Tests, Abfragerei, Vorrechnen an der Tafel. Alle über einen Kamm, wer's nicht packt, möge verrecken.

Und dann dieses zerbrechliche soziale Gefüge in dem ein falscher Satz oder eine unangebrachte Handlung jahrelange Pflege ineinanderstürzen lässt. Nunja, ich kann mich nicht beschweren, ich bin stets mit jedem klargekommen, aber daß es eigentlich ganz anders war, zeigt die obligatorisch anzutreffende Grundaussage der alten Schulkameraden: Unsere Stufe? Das waren aber auch nur Vollidioten! Mit denen will ich auf keinen Fall mehr was zu tun haben! Das ist komisch, zur Schulzeit selber sah das noch alles viel harmonischer aus.

Das bringt mich zu meiner Hauptthese: die Schule zwingt uns in eine Rolle, nämlich die des strebsamen Kindes (n.com Deutsch: Arschkriecher) und des allseits beliebten Coolkindes (n.com Deutsch: Kameradenschwein). Viel schwerer hatten es da die "Außenseiter", die zurecht nur den Kopf schütteln konnten, aber trotzdem während des Unterrichts das Maul aufmachen mußten. Oder die Beliebten, die im Unterricht durch besondere Dummheit oder Unwissenheit glänzten und somit in der sozialen Leiter abstiegen... ja, so war das auf'm Gymnasium. Elitärer Saftbunker!

Und ich armer Kerl mittendrin. Eigentlich schüchtern, lieb, sensibel und bestrebt, stiller Außenseiter zu sein, aber durch mein grandioses Aussehen und mein bombastisches Charisma immer und überall zum Lieblingsschüler und Gangleader ernannt. Wenn ich mich mal gemeldet habe, dann war grundsätzlich Totenstille, weil jeder einen Kalauer für die Abizeitung erwartete. Und da der Unterrichtsinhalt stets zu schleppend voran kam, versuchte ich, den Rest selber in meinem Kopf zusammenzubauen, während die anderen die Wiederholung noch zweimal wiederholten. Aber das ging auch nicht, denn man wurde von irgendwelchen Frauen angeflirtet oder von Lehrern irgendwas gefragt. Zu irgendwelchen Banalitäten. Es war die Hölle.

Dann Sport! Wieso sollte man den Schülern denn auch ein bißchen Würde lassen? Sport- und Schwimmunterricht? Die pure Hölle. Wie Vieh wurde man im Kreis lanciert (die Vokabel find ich an der Stelle gut!). Danach noch schwitzend in den Matheunterricht, zu dem man zu spät kam, weil man nicht schnell genug aus seiner verklebten Hose rauskam. Und vorher und nachher hübsch im Bus gefahren, der mehr als hoffnungslos überladen war. Umdrehen nicht möglich, Aussteigen nur mit Glück möglich und dann irgendwelche terroristischen Versuche der älteren Rabauken von der Schule nebenan. Der Busfahrer derweil ein Quell der guten Laune (Haltet die verdammten Fressen ihr Kanalratten!).

Und wen haben wir noch? Natürlich! Die Sekretärin! Stets bemüht, einem das Leben in organisatorischen Fragen zu erleichtern.
Was willst du?
Äh, ich soll Kreide holen!
Wieso?
Weil sie alle ist!
Wer sagt das!
Der Lehrer!
Komm in der Pause wieder!
Aber dann ist die Stunde vorbei!
MIR DOCH EGAL! KREIDE GIBT'S IN DER PAUSE, WENN ÜBERHAUPT!!!


Übrigens gab's auch alles andere nur in der Pause. Die 10 Minuten waren ja auch mehr als großzügig bemessen, für die 200 Kinder, die irgendwas wollten.

Und der Gipfel? Ich sag' nur: Sonnenfinsternis!

Und wie eine Seuche bildeten sich dann langsam, mit fortgeschrittenem Alter, diese intellektuellen Kotzbrocken heran, die die Bosheiten, die sie als Kind nicht ertragen konnten, mit vollen Händen an die Stufenkameraden zurückgaben. Diese endliberalen Astgabeln, die morgens schon mit dem Satz "Ich brauche einen Kaffee" in die Schule kamen, die meinten, daß sie für die Schauspieltruppe ein Gottesgeschenk waren und außerdem absolut erwachsen. Desweiteren durchblickten sie alle Werke der Literatur und (-nasaler Tonfall-) ihre Wertschätzung dafür war hoch bemessen. BAH AH! WAH!

So, das reicht, das war meine kleine Therapiestunde. Ich bin nun guter Dinge, daß ich jetzt von was anderem träume. Vielleicht einer feinen grünen Wiese mit Blumen und ein paar Wespchen oder sowas. Ein blauer Himmel und ein paar gemütlich daherziehende Wölkchen. Und frische Luft, die nach Gras riecht. Sonnenlicht, anstelle von Neonlicht - wie wird's sein?
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